


Selbsthilfe als Partner oder Dienstleister?
Beratungsqualität der Selbsthilfe als Erwartung und Herausforderung
Ausgangspunkt für den Workshop ist die Frage: Brauchen wir eine eigene Qualitätsdebatte zur Rolle der Selbsthilfe als Dienstleister?
Wenn es stimmt, dass Selbsthilfegruppen immer öfter als „Experten in eigener Sache“ Beratungs- und Dienstleistungen übernehmen (sollen), in die Nachsorgekette wie selbstverständlich eingebunden werden, fachliche und politische Beteiligung von Betroffen organisieren sollen, zur Schließung von Versorgungslücken in Selbstorganisation im lokalen Umfeld aufgefordert ist, dann stellt sich die Frage nach dem Dienstleitungscharakter der Selbsthilfe.
Wie weit muss oder darf die „Professionalisierung der Selbsthilfe“ gehen?
Sind Selbsthilfeinitiativen dann echte Partner für die professionellen Anbieter (Krankenhäuser, Ärzte, Pflegedienste) oder werden ihre Dienste als willkommene (billige) Alternative gesucht? Können und sollen Selbsthilfegruppen und -organisationen auch verbindlich in die Netzwerke der sozialen und gesundheitlichen Dienste eingebunden werden? Wenn ihre Beratungsleistung wegen der Authentizität der Erfahrung so gefragt ist, diese aber an Qualitätserwartungen geknüpft wird, dann - so fordern Selbsthilfegruppen - wollen sie ihre Qualitätskriterien selber formulieren. Selbsthilfeorganisationen beginnen außerdem damit, eigene Qualitätsan-forderungen an die gesundheitliche Versorgung zu formulieren.
In diesem Workshop wollen wir über Bedingungen und Anforderung an gelungene Kooperation sprechen, über die Vermeidung von Missbrauch und unrealistischer Erwartungen. Dafür müssen erneut die Differenzen zwischen einer professionellen und von Laien getragener Arbeit heraus gearbeitet werden.
Diskussionen um eine stärkere Selbsthilfeorientierung des Gesundheitswesens und daraus abgeleitete Qualitätsanforderungen anerkennen die Bedeutung der Selbsthilfe. Sie überfordern evt. aber eine Hilfeform, die auf freiwilligem Engagement basiert. Mit Beispielen zahlreicher Gruppen und Verbände wollen wir den aktuellen Stand anschaulich machen.
Moderation: Angela Bleckmann
- „Die“ Selbsthilfe gibt es nicht. So unterschiedlich, wie die Angebote der einzelnen Selbsthilfegruppen, -verbände, -initiativen und –kontaktstellen sind, so unterschiedlich sind ihre Arbeitsweisen, ihre Ansprüche, Erfahrungen, Bedürfnisse, Möglichkeiten und Grenzen.
- Inhaltliche Qualitätserwartungen an die Arbeit der Selbsthilfe können daher nicht pauschal, insbesondere nicht von Außen formuliert werden
- Formale Kriterien für mehr Transparenz zur Arbeit der Selbsthilfe gibt es bereits und sie werden auch gelebt und eingehalten.
- Zahlreiche Selbsthilfegruppen und -verbände haben bereits eigene Qualitätskonzepte entwickelt, die ihre Mitglieder und Gruppen bei der Beratung einhalten und beachten.
- Darüber hinaus gehende externe Qualitätserwartungen von Dritten an die Selbsthilfe werden dem Wesen der Selbsthilfe nicht gerecht und deshalb von einer Mehrheit der Gruppen abgelehnt.
- Im Bereich der gesundheitlichen Selbsthilfe sind möglichen Erwartungen von Außen bereits dadurch Grenzen gesetzt, dass die in der Selbsthilfe Tätigen alle durch eigene Erkrankungen eingeschränkt sind.
- Als Dienstleister wollen sich die meisten nicht vereinnahmen lassen. Die Übernahme von Angeboten, die eigentlich Teil der medizinischen Versorgung sein sollten, wird kritisch gesehen.
- Das Wesen der Selbsthilfe ist ihre Autonomie und Selbstbestimmung, daraus zieht sie ihre besondere Kraft, die es zu erhalten zu wahren gilt.
Moderation:
Angela Bleckmann, Koordinierungsstelle Berlin des Hauses der Krebs-Selbsthilfe, Wolfgang Hardt, Leiter der Selbsthilfekontaktstelle Neukölln Nord
Impulsreferate von:
- Herr Dr. Thomas Reuter, Stellvertretender Vorsitzender der Landesstelle Berlin für Suchtfragen
- Herr Günter Vierkötter, Vorsitzender des Landesverbandes Berlin-Brandenburg der Deutschen ILCO e.V.
- Herr Marcel Weigand, Referent für Kooperation und Netzwerkmanagement der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD)
- Frau Dr. Gudrun Borchardt, Landesstelle Berlin/Brandenburg der Techniker Krankenkasse (TK)
- Frau Maria Klein-Schmeink, Grünen Politikerin, Mitglied des Bundestages, Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion für Prävention und Patientenrechte
Das Forum war in zwei Themenblöcke gegliedert. Während im 1. Block die Qualität bestehender Kooperationen der Selbsthilfe mit Akteuren aus dem medizinischen Versorgungswesen diskutiert wurde, ging es im zweiten Block um die Qualität der Beratungsleistung der Selbsthilfe, um ihre Erwartungen und Ansprüche an das eigene Angebot, um mögliche Qualitätskriterien und um die Grenzen des Machbaren.
In einem Folienvortrag wurde zunächst das Wesen der Selbsthilfe, die verschiedenen Ausprägungen auf Orts-, Landes- oder Bundesebene vorgestellt. Die Angebote von Selbsthilfegruppen und -initiativen wurden ebenso dargestellt, wie die Erwartungen, die von Außen an sie gestellt werden, die Grenzen des Machbaren und die Fördermöglichkeiten.
Die Impulsreferate wurden von Vertreterinnen und Vertretern aus den verschiedenen Bereichen vorgetragen, mit denen es die Selbsthilfe im gesundheitlichen und sozialen Versorgungsgefüge zu tun hat.
Diese Kurzreferate sollten dazu dienen, die Erfahrungen mit der Selbsthilfe in den vorgestellten Bereichen darzustellen.
Alle Referenten und Referentinnen erhielten zu Beginn ihres Kurzvortrages die Aufgabe, folgende Aspekten, bzw. folgende Fragestellungen bei der Vorstellung ihrer Tätigkeiten zu berücksichtigen:
- Welche Erwartungen werden in ihren jeweiligen Bereichen an die Selbsthilfe gestellt
- Was sind die Qualitätserwartungen an die Selbsthilfe in ihren Bereichen
- Spielt das Thema „Transparenz“ der Selbsthilfe eine Rolle bei der Frage nach Qualitätserwartungen
- Kann die Selbsthilfe aus ihrer Sicht den an sie gestellten Anforderungen nachkommen
Die Erfahrungen der einzelnen Redner und Rednerinnen mit der Selbsthilfe lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Für Herrn Reuter von der Landesstelle Berlin für Suchtfragen ist die Selbsthilfe ein unverzichtbarer Bestandteil der Therapie. Den behandelten Patienten wird nicht freigestellt, an einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen, es ist zwingender Bestandteil der Behandlung. Herr Reuter stellte klar, dass die Selbsthilfe im Suchtbereich eine Aufgabe wahrnimmt, die die Medizin nicht leistet und nicht leisten kann.
Die Qualitätserwartungen, die dabei an die Selbsthilfe gestellt werden, beschränken sich dabei auf Verlässlichkeit des Angebotes und zuverlässige Präsenz in den Suchtkliniken.
Das stieß bei einigen TeilnehmerInnen auf Widerstand, da sie ein wesentliches Merkmal der Selbsthilfe, nämlich die Freiwilligkeit nicht gewährleistet sahen.
Herr Reuter argumentierte, dass im Suchtbereich die Selbsthilfe aufgrund ihrer Geschichte in diesem Bereich eine andere Rolle einnehme, als andere Formen der gesundheitlichen Selbsthilfe.
Herr Vierkötter berichtete im Anschluss über seine Zusammenarbeit mit Kliniken. Diese besteht in einem Besucherdienst, den die Mitglieder der ILCO betroffenen Stoma-PatientInnen anbieten. Das Angebot der ILCO, das nur in Zusammenarbeit und in Abstimmung mit dem jeweiligen Klinikpersonal funktioniert, besteht darin, Stoma-PatientInnen entweder vor der OP oder danach zu besuchen, um ihnen von dem Umgang mit den Stomata und den eigenen Erfahrungen damit zu berichten.
Die ILCO bietet diesen Dienst in 52 Kliniken an und macht damit seit Jahren gute Erfahrungen. Sie ist dabei aber auch immer auf das Personal vor Ort angewiesen, das die Mitglieder der ILCO mal mehr, mal weniger engagiert unterstützt.
Herr Vierkötter berichtete, dass von Seiten der Kliniken in erster Linie erwartet wird, dass das Angebot auch stattfindet, wenn eine Zusammenarbeit vereinbart wurde. An die inhaltliche Arbeit der ILCO-Mitglieder werden keine Qualitätserwartungen gestellt. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass die ILCO die BeraterInnen regelmäßig schult und dies dem Klinikpersonal bekannt ist.
Dieses Angebot stieß bei den meisten TeilnehmerInnen aus den Selbsthilfegruppen auf großes Interesse. Es wurde aber auch festgestellt, dass hier die Selbsthilfe bereits die Grenze zum Ehrenamt überschreite und Aufgaben wahrnehme, die über ihr eigentliches Anliegen hinausgingen.
Herr Weigand informierte das Forum über seine Tätigkeit bei der UPD. Die Beratung der PatientInnen und Interessierten erfolgt in den regionalen Beratungsstellen, die mit Selbsthilfegruppen und -verbänden zusammenarbeiten. Die UPD ist der Meinung, dass für das Beratungsangebot der Selbsthilfe Qualitätsanforderungen wie Transparenz und Unabhängigkeit wichtig sind. Sie sieht es auch als Ihre Aufgabe, die Erfüllung dieser Kriterien in der Selbsthilfe abzufragen, bzw. einzufordern.
Diese Haltung stieß bei einigen TeilnehmerInnen von Selbsthilfegruppen auf heftige Kritik, da die Ansicht vorherrschte, dass sich die Selbsthilfe selbst um Transparenz und Unabhängigkeit bemühe, was schon durch die Mitgliedschaft in einem der großen Dachverbände gewährleistet sei.
Frau Borchardt berichtet über die Förderpraxis der Krankenkassen und speziell über die Haltung der TK. Es gebe zum Einen die formalen Förderrichtlinien, die von den Gruppen zu erfüllen sind, um Gelder von den Kassen zu erhalten. Es gebe zum Anderen aber auch darüber hinaus gehende Erwartungen an die Selbsthilfe.
Bei der TK würden die geförderten Selbsthilfegruppen als Partner angesehen. Bei der Zusammenarbeit auf Augenhöhe sei die Zuverlässigkeit der Selbsthilfe genauso wichtig, wie die Qualität des Angebots, das von der TK gefördert wird.
Frau Klein-Schmeink betonte die Bedeutung der Selbsthilfe für die Politik und das Gemeinschaftswesen, verwies aber ganz eindeutig auf ihre Rolle als zusätzliches, freiwilliges Angebot Betroffener, das nicht instrumentalisiert und missbraucht werden dürfe. Nach ihrer Ansicht dürfen die Maßstäbe, die im Zusammenhang mit Qualitätskriterien an andere, professionelle, Einrichtungen des Gesundheitswesens angelegt werden, nicht einfach auf die Arbeit der Selbsthilfe übertragen werden.
Das stieß bei den TeilnehmerInnen auf breite Zustimmung und stellte bereits eine Art Zusammenfassung der folgenden Diskussion dar.
Das Ergebnis der Diskussionen, die immer wieder auf das Thema des Forums zurückgeführt wurden, lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
„Die“ Selbsthilfe gibt es nicht. So unterschiedlich, wie die Angebote der einzelnen Selbsthilfegruppen, -verbände, -initiativen und –kontaktstellen sind, so unterschiedlich sind ihre Arbeitsweisen, ihre Ansprüche, Erfahrungen, Bedürfnisse, Möglichkeiten und Grenzen.
Inhaltliche Qualitätserwartungen an die Arbeit der Selbsthilfe können daher nicht pauschal formuliert werden, schon gar nicht von Außen.
Zahlreiche Selbsthilfegruppen und -verbände haben bereits eigene Qualitätskriterien entwickelt, die ihre Mitglieder und Gruppen bei der Beratung einhalten und beachten. Darüber hinaus gehende Qualitätserwartungen an die Selbsthilfe sind unrealistisch und werden der Rolle der Selbsthilfe nicht gerecht. Im Bereich der gesundheitlichen Selbsthilfe sind möglichen Erwartungen von Außen bereits dadurch Grenzen gesetzt, dass die in der Selbsthilfe Tätigen alle durch eigene Erkrankungen eingeschränkt sind. Als Dienstleister wollen sich die meisten nicht vereinnahmen lassen. Die Übernahme von Angeboten, die eigentlich Teil der medizinischen Versorgung sein sollten, wird kritisch gesehen.



Das neue Fortbildungsprogramm für Aktive in der Selbsthilfe ist fertig.
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jeden 1. und 3. Do im Monat 16 - 18 Uhr bei SEKIS
Anmeldung Tel. 8902 85-33 /-32
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